Gay Christian EuropeLGBT Christian Europe

Autobiografien von LGBT-Christen

Zeugnis von Marcel

Zeugnis von Marcel

"Gerne stelle ich mich kurz vor: Ich heisse Marcel, bin 38 Jahre alt und wohne in Zürich. Seit über 20 Jahren arbeite ich als Informatiker in einer Grossbank.
Ich bin in einer liberalen christlichen Familie aufgewachsen, und schon als Junge verspürte ich eine Sehnsucht nach Gott. Mir war bewusst, dass ich vor Gott schuldig war, und ich empfand es als enorme Befreiung, als ich begriff, dass Jesus – in seiner Heldentat am Kreuz – für meine Fehltritte geradegestanden ist und ich von Gott geliebt bin.

Durch einen Arbeitskollegen kam ich – es muss um 1995 gewesen sein – erstmals mit einer Freikirche in Kontakt. Es handelte sich um eine Gemeinde in Zürich, welche der Chrischona-Pilgermission angehört.
Sofort war ich Feuer und Flamme für diese Gruppe. Ich besuchte regelmässig die Gottesdienste sowie einen Bibelgesprächskreis namens ‚Salzstreuer’.

Ich war mir damals schon bewusst, dass ich schwul bin. In der Gemeinde wurde nicht über Homosexualität gesprochen, und ich war noch so grün hinter den Ohren, dass ich gar nicht wusste, dass das christliche Umfeld grösstenteils ein Problem damit hat. Da es allerdings meinem Bedürfnis nicht entsprach, darüber zu sprechen, schwieg ich. Mit dieser Situation war ich zufrieden.

Das erste Mal, als ich mit der ablehnenden Meinung konfrontiert wurde, war an einem Freitagabend, den ich niemals vergessen werde. Ich sass allein in meinem Zimmer – damals noch bei den Eltern wohnend – und las in einem Buch, welches ich aus der Bücherecke der Gemeinde ausgeliehen hatte.
Das Buch vermittelte Grundlagen des christlichen Glaubens und sprach sich sehr für die Ehe zwischen Mann und Frau aus. Beim Weiterblättern gelangte ich zur Überschrift: ‚Und die Homosexualität?’ Da dachte ich, dass erfreulicherweise endlich mal an Menschen wie mich gedacht würde. Überzeugt, dass der gerechte Gott auch für Homosexuelle eine motivierende Botschaft bereithält, stürzte ich mich voller Freude und Neugier auf das Kapitel. Was ich da allerdings zu lesen bekam, konnte ich erstmals gar nicht fassen. Darin hiess es, Homosexualität sei eine Abirrung von den Zielvorstellungen Gottes und sei mit Ehebruch gleichzusetzen. Die Bibel nehme da sehr klar Stellung. Sie kenne keine angeborene Homosexualität, sondern sehe darin eine Folge des Abfallens von Gott.
Der Autor ging davon aus, dass eine Umpolung von homosexuell zu heterosexuell möglich und einfach sei, und begründete seine Auffassung mit folgendem Vers: ‚Nun aber ist Gottes Geist in euch, und ihr seid nicht länger der Herrschaft eures sündigen Wesens ausgeliefert. (Römer 8,9)’ Ich las das Kapitel immer und immer wieder, in der Hoffnung, ich hätte etwas falsch verstanden. Als mir aber klar war, wie die Dinge lagen, brach für mich eine Welt zusammen. Mit einer schlaflosen Nacht begann für mich eine längere Krise.

Zuerst sprach ich mit dem Arbeitskollegen, der mich früher in die Gemeinde eingeladen hatte. Die Thematik überforderte ihn; immerhin gab er zu, dass er sich noch nie ernsthaft damit befasst hätte. Danach wandte ich mich an andere Gemeindemitglieder. Da es sich beim zerschmetternden Buch um ein älteres handelte, hoffte ich, dass das Christentum in der Zwischenzeit zu einer befreienderen Einstellung zu Homosexualität gefunden hätte. Leider musste ich feststellen, dass dies nicht der Fall war.
Es gab mal einen Gesprächsabend über Homosexualität, wobei aber bereits im Voraus festgelegt war, dass die Leitung an der Verdammung festhalten würde. Lange Zeit glaubte ich ja selber, mich umpolen lassen zu müssen, doch diese wesensfremden Versuche schlugen fehl und stürzten mich in eine enorme Krise. Zeitweise hatte ich ein Gottesbild, das auf Gehorsam, Zucht und Selbstverleugnung baut, aber nicht auf eine liebende Beziehung ausgerichtet ist.

Da meine sexuelle Orientierung nun in der Gemeinde bekannt war, musste ich immer wieder Mobbing erleiden. Ein Brief an den damaligen Prediger wurde schlicht nicht beantwortet. Niemand bot mir Hilfe oder Akzeptanz.
Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Es geschah beispielsweise einmal, dass eine ledige junge Frau in der Salzstreuer-Gruppe mitteilte, dass sie ein Kind erwarte. Gemäss dem Dogma der Gemeinde galt Geschlechtsverkehr ausserhalb der Ehe als Sünde. Da dachte ich nicht besonders liebevoll: ‚Endlich ist auch mal jemand anders Sünder, und hoffentlich wird auch sie tüchtig zurechtgewiesen!’ Das war jedoch nicht der Fall. Es hiess einfach, das könne eben mal passieren. Und wenn jemand homosexuell ist? Das ist ja auch einfach passiert, noch ohne mein Dazutun; trotzdem wurde immer nur ich verurteilt.

Ich wollte einfach so leben können, wie ich nun einmal bin und wie mich Gott geschaffen hatte. Das wurde mir jedoch verunmöglicht.
Der Druck auf mich wurde immer grösser. Als meine Mutter von meinen Problemen erfuhr, wollte sie mir helfen und wandte sich zuerst an die Jugendberatung. Später erfuhr sie von der Arbeitsgruppe ‚Homosexuelle und Kirche (HuK)’ und gab mir Unterlagen davon. Dieser Gruppe traute ich jedoch nicht, da ich dachte, die etablierte Chrischona müsse über die Meinung Gottes besser Bescheid wissen als ein freier Zusammenschluss von homosexuellen Christen.

Schlussendlich war ich mit meiner Weisheit völlig am Ende. Ich machte mir nun ernsthaft Gedanken über einen Austritt aus der Gemeinde. Das war ein schmerzhafter Entscheid, hatte ich doch dort lange Zeit meine Heimat und meine ‚Kollegen’ gehabt.
Schliesslich kehrte ich der Gemeinde den Rücken zu und wollte absolut nichts mehr von Glaube, Gott oder Kirche wissen. Wozu sollte ich mich weiterhin mit dem Christentum befassen, wenn es mir seelischen Schaden zufügte?
So lebte ich mehrere Jahre unreligiös. Allzu glücklich war ich in dieser Situation zwar auch nicht, aber es ging mir allmählich besser.

Meine Erzählung könnte ich hier beenden, wenn nicht ein Wunder geschehen wäre. Ich verspürte den eindringlichen Ruf, einen Gottesdienst aufzusuchen. Vorerst ignorierte ich diese klare Botschaft, befasste mich dann zwei Monate später doch damit. So nahm ich eine Zeitung zur Hand, um mich über die Angebote in Zürich zu informieren. Da fielen mir die reformierten Abendgottesdienste in der Wasserkirche ins Auge. Obwohl ich nichts Besonderes erwartete, ging ich dorthin. Und was da geschah, war gerade nochmals ein Wunder. Dieser erste Kirchenbesuch seit langem erfüllte mich mit grosser Freude und ermöglichte mir den Zugang zum Glauben wieder – von einer ganz anderen, neuen Seite her. Anstelle mich zuerst umpolen zu müssen, um überhaupt Christ sein zu können, fühlte ich mich von Gott angenommen, so wie ich bin. Auch die weiteren Gottesdienste brachten mir wirklich etwas. So wurde die Wasserkirche je länger je mehr zu meiner neuen Heimat. Ich spürte, dass von diesen Gottesdiensten grosser Segen ausgeht.

Als ernsthafter Christ kam ich nicht darum herum, mich wieder mit der leidvollen Thematik Homosexualität und Glaube zu befassen. Ich verspürte auch das Bedürfnis, mit anderen wohlgesinnten Christen darüber zu sprechen. Da ich die Unterlagen von der HuK noch hatte, nahm ich dort Kontakt auf. Es war eine Wohltat, endlich mal mit Gleichgesinnten zu diskutieren. Später fand ich auch Anschluss an die anderen christlichen schwullesbischen Gruppen in Zürich. Ausser der HuK gibt es auch einen Zwischenraum-Hauskreis, Queer-Gottesdienste in der Helferei-Kapelle und in der Citykirche St. Jakob sowie einen Gesprächskreis für allgemeine Themen.
Für dieses vielfältige Angebot war und bin ich sehr dankbar. Bei Diskussionsabenden, Bibelarbeiten, Gottesdiensten, Abendessen, Tagungen und anderen Anlässen kommen wir uns nahe, nehmen Anteil aneinander und begleiten einander in schönen und schwierigen Zeiten. Für viele ist es wesentlich, hier konkret zu erleben, dass sich christlicher Glaube problemlos mit Homosexualität vereinbaren lässt.

Dennoch besuche ich nach wie vor regelmässig die Gottesdienste in der Wasserkirche. Es ist mir wichtig, nicht nur in der schwullesbischen Bewegung von Christen, sondern auch in einer etablierten Gemeinde dabei zu sein.

Durch verschiedene Bücher, welche mir in den einzelnen Gruppen empfohlen worden waren, wurde mir immer klarer, wie unverhältnismässig die Haltung und Härte mancher Kirchen ist im Vergleich zu den dürftigen Bibelstellen über Homosexualität. Ich gelangte zur Einsicht, dass die sogenannten Hammerstellen beim genaueren Lesen nicht unbedingt homophob zu interpretieren sind. Die Bibel sollte niemals wie ein Hammer gebraucht werden, um die, die ehrlich nach Gott und seinem Willen fragen, niederzuhauen.

Wenn der Umgang mit der Bibel in die Weite führt, befreiend wirkt und auch jene in den Blick nimmt, die auf der Schattenseite dieser Welt stehen, kann er nicht verkehrt sein. Es gibt nicht nur sexuellen, sondern auch religiösen Missbrauch: Wo Gott dazu missbraucht wird, andere Leute zu unterdrücken und zu diskriminieren; wo Jesus nicht mehr Freude oder einen Ruf zur Freiheit in Mündigkeit auslöst.
Sind es nicht gerade meistens die scheinbar besonders bibeltreuen Christen, die homosexuelle Mitmenschen ins Abseits drängen? Möglicherweise haben sich diese Christen unbemerkt die Argumentation der Pharisäer zu Eigen gemacht, statt die Position Jesu zu beziehen, wonach der Mensch für Gott wichtiger sei als die Gebote.
Jesus wendet sich scharf gegen die Scheinfrömmigkeit der damaligen religiösen Elite und will, dass Menschen aufrichtig sind. Anders als in vielen Gemeinden ist Sexualität für ihn nur ein nebensächliches Thema.

Über allem steht eine persönliche und menschliche Liebe und Wärme, die die Bibel Barmherzigkeit nennt.
Paulus ermutigt uns im 1. Korintherbrief 13: ‚Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; am grössten aber unter diesen ist die Liebe.’"

~ Marcel, Schweiz

******************************************

Zeugnis von David

"Ich bin sicher, dass es ein großes Übel ist, die Wahrheit vor anderen nicht anzuerkennen, aber noch viel schlimmer ist Nichtanerkennung, Zurückweisung der Wahrheit über sich selbst und damit auch Ablehnung eigenen Seins, Zurückweisung der Wahrheit über sich selbst! Ich glaube, dass Gott mich als einen Homosexuellen schuf und Nichterkennen der legitimen Bedürfnisse meiner Person bedeutet auch Ablehnung der Absicht Gottes, die er für mich als seinem Geschöpf gemacht hat, Ablehnung des Willens Gottes in meiner eigenen Person, die als Gottes Schöpfung makellos und heilig geschaffen worden war.

Von der Kindheit an wurde ich in einem rechtsgläubigen katholischen Christentum aufgezogen. Ich war stolz, dass ich ein musterhafter Sohn der katholischen Kirche, und gleichzeitig auch ein braver Sohn meines Landes Slowenien war – ich empfand beides als meine Mutter. Etwa mit 13-14 Jahre wurde ich mir erstmals bewusst, dass ich homosexuell sein könnte. Auf diesen Gedanken führte mich ein in jener Zeit zu diesem Thema seltener Artikel in einer slowenischen Zeitschrift, der in Form einer Reportage über das geheime Leben der Homosexuellen im damaligen Slowenien schrieb.

Mit sechzehn Jahren zog ich vom Lande in eine Großstadt, wurde Atheist, und genoss eine uneingeschränkte Freiheit. Ich blieb aber trotzdem Humanist. Ich sehnte mich nach einer Freundschaft als einem Pfad, einer Möglichkeit zur Verwirklichung der Liebe, des Vertrauens und des persönliches Verständnisses... Intime Erlebnisse mit Jungen hatte ich damals sehr selten, flüchtig, zufälligerweise, und war homosexuell größtenteils nur in meiner tiefen, einsamen Schwärmerei über einen guten Freund, den ich noch gar nicht hatte... Ich war schüchtern, zurückhaltend, ängstlich und verwirrt und wusste nicht, wie ich meinen Wunsch nach Liebe und Intimität einem anderen Jungen mitteilen könnte…

Mit zwanzig Jahren begann ich wieder, Gott in einer ursprünglichen Form zu suchen, befreit von allen Dogmen und Krempel der Vorurteile. Ich interessierte mich rege für christliche und nichtchristliche Mystik und Mystiker (Meister Eckehart, Angelus Silesius, Jalal al-Din Rumi...). Von allen Bibelstellen beschäftigte ich mich am meisten mit den Worten: ‚Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. (…) Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst’ (Mk 12,30f.). Ich war von der Tatsache fasziniert, dass Jesus, in dem ich damals nur einen idealen Menschen und einen Propheten sah, einen Akt der reinen Liebe an die höchste Stelle setzte! Aus diesem Grund schätzte ich ihn hoch schon zu der Zeit, als ich noch Atheist war. Ich nahm an einer Einführung in die christliche Meditation teil. Da habe ich mir die Worte ‚den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele’ zu einem Mantra, einem Objekt der Betrachtung gemacht. Ich machte folgende Erwägung: ‚Auch wenn kein Gott existiert, ist es eine Tatsache, dass ich ein Bedürfnis nach Liebe habe, deshalb glaube ich an die Liebe, und schliesslich steht auch geschrieben: ‚Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.’ (1 Joh 4,16b)

Damals praktizierte ich intensiv Hatha-Yoga, die körperlichen Disziplin der Asanas (verschiedener Körperstellungen), Pranayama (Atemübungen) und Meditation. Regelmäßige Übung hielt mich in gutem körperlichen und geistigen Zustand, brachte mir Selbstdisziplin und Selbstvertrauen, und hat mir zudem mein verwundetes Selbstwertgefühl geheilt, das aus dem geheimen Bewusstsein hervorgegangen war, dass ich homosexuell war in einer Gesellschaft, die das nicht akzeptiert. Es schien mir, dass ich der einzige Homosexuelle in der Welt wäre und dass alle anderen heterosexuell seien. Es schien mir, dass alle, die ich kannte, heterosexuell waren, vielleicht aus dem Grunde, weil die Jungen mit ihren grossen Erfolgen bei Mädchen und Frauen prahlten...

Zwischen theoretischen Erklärungen zu Yoga-Sutra von Patanjali stolperte ich auch über eine Stelle, die mich unerwartet auf ein für mich praktisches Glaubensfeld führte. Ein einfacher und praktischer Rat von Patanjali vermag mich einfach und ohne Zwang viel näher zu Gott führen als irgendeine komplexe Theorie einer tiefen theologischen Argumentation! Ein Yoga-Praktiker kann Yoga mit der Absicht üben, seine eigene Kraft, Widerstandsfähigkeit und Selbstbewusstsein zu steigern und sich zum eigenen Vorteil und aus Lust an der Sache fortbilden… Auf der anderen Seite aber kann er seine Anstrengung, seine Übungen, seine Disziplin auch seinem Gott weihen… Ich habe mich für diese zweite Variante entschlossen, für einen Versuch, meine Errungenschaften in Yoga meinem Gott zu weihen, so ähnlich wie wir hie und da einen Fussballer sehen können, der vor dem Wettkampf öffentlich vor allen auf dem Fussballterrain niederkniet und sich bekreuzigt. Dieser Versuch kostet nichts, fordert keine Zeremonie; allein der Gedanke genügt, dass ich mich beim Üben einer höheren Kraft überlasse. Wenn Gott existiert, wird er sich mir sicher offenbaren. Und, tatsächlich, von da an habe ich gespürt, dass Gott mich auf meinen Lebenswegen wundersam begleitet und unterstützt…

Ich will mich nicht wundern, wenn jemand beim Lesen dieser Zeile auf den Gedanken kommt, dass eine solch engagierte Beschäftigung mit Yoga bei einem Jungen eine verzweifelte Anstrengung bedeutet, seine Aufmerksamkeit von einem beunruhigenden und schmerzhaften Bereich der Liebe, des Intimen und der Sexualität auf einen neutralen, sicheren Bereich zu lenken. Es ist wahr, in jener Zeit habe ich mir etwas nicht zugestehen wollen, ich wollte mich bewusst nicht mit diesem Problem beschäftigen, aus Angst es könnte zu sehr weh tun! Ich habe die wichtigste und heikle Frage vernachlässigt, wie es mit meinem intimen Leben und mit meiner sexuellen Orientierung steht. Ob ich etwas zu unternehmen beabsichtigt habe – und wenn ja, was? Gedanken darüber sind für mich ein Tabu-Thema gewesen, wo man nicht einmal daran denkt, mit jemandem darüber zu sprechen! Auf der andern Seite haben mich aber auf jeden Fall ‚sündige’ Gedanken über die Intimität mit Jungen belastet.

Es ist eine Tatsache, dass ich im entscheidenden Zeitabschnitt der Pubertät eine sehr negative homosexuelle Erfahrung gemacht habe, die mich während der ganzen Entwicklungsphase meines Lebens bezüglich irgendwelchem Versuch einer freundschaftlichen und/oder intimen Beziehung mit einem anderen Mann entmutigte. Dieses Erlebnis Mitte zwanzig wollte ich möglichst schnell vergessen, und so tief wie möglich in meiner Seele begraben… Nach diesem Ereignis floh ich aus der Stadt, in welcher ich vorher gelebt hatte, und ging sogar für einige Zeit ins Ausland. Ich dachte, dass ich nie wiederkomme. Ein slowenisches Sprichwort sagt: Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Nach einem verwunderlichen, göttlichen Eingreifen kam ich nach einem Jahr unerwartet zurück nach Hause. Ich kehrte wieder in die Stadt, wo ich studiert habe. Meine Situation ist plötzlich klar und heiter geworden. Ich legte die Gedanken über meine sexuelle Orientierung zeitweilig beiseite, und weihte mich stattdessen intensiv dem Gebet, dem Studium, und der Arbeit, was mich von Depression und innerer Unruhe ablenkte. Es ist mir endlich geraten, mich mit mir selbst und der Welt zu versöhnen, mich zu sammeln, zu disziplinieren und das Studium erfolgreich zu bestehen.

Ich wurde ein brennender Christ, intolerant gegenüber Atheisten, liberalen Christen und liberal ausgerichteten, katholischen Priestern. Das Jenseits zog mich an, mich interessierten Visionen und Erscheinungen. Wegen zeitweiliger Angriffen von Schuldgefühlen bin ich jede Woche, zuweilen auch mehrmals pro Tag zur Beichte gegangen.

Es begab sich, dass ich, ganz zufällig, ein ziemlich viel jüngeres Mädchen traf, das ernsthaft mit mir plaudern wollte und Interesse für mich zeigte, was mir von Seiten einer Frau noch nie bisher geschehen war. Wir verstanden uns auf Anhieb und wurden betraute Freunde, schlossen einander ins Herz, unterhielten uns mit Hingabe über alles Mögliche, besonders aber über lebens-, liebens- und geistlich wichtige Probleme. Ich hab es diesem Mädchen zu verdanken, dass ich lebendiger wurde in Bezug auf meine verkorxte Haltung gegenüber meinem Körper und meiner Geschlechtlichkeit. Am meisten aber bin ich ihm für die vertraulichen Gespräche dankbar, durch welche es mir half, meine erste homosexuelle Erfahrung, die ich fast vergessen hatte, aus dem Unbewusstem ans Licht zu bringen. Unter dem Einfluss meiner offenherzigen Begeisterung am christlichen Glauben bekehrte es sich neu, und begann mit mir eine Beziehung, zu welcher auch täglich Zärtlichkeiten, einschliesslich Küssen und Umarmungen gehörten… Als ich ihm die Heirat anbot, antwortete es, dass es darüber noch nicht gedacht hätte und denke, für eine Heirat noch nicht bereit zu sein… Im Leben zweier Liebenden, die sich freundschaftlich lieben, ist alles schön und ok, solange alles in Ordnung ist. Wenn aber Probleme auftauchen, zeigt sich erst, wie reif und stark die Liebe ist. So geschah, dass wir wegen eines kleinliches Zankes auseinander gingen. Da habe ich zum ersten Mal empfunden, wie mit seinem Abgang ein Teil meiner selbst starb… Aber in jedem Übel steckt auch etwas Gutes: ohne seinen Abgang hätte ich nie meine wahre Natur, nämlich meine Homosexualität erkannt… In diesem bitteren Leiden wegen des Verlustes des geliebten Wesens, wollte ich mit einer guter Tat beweisen, dass ich trotz allem ein Held wäre, der fähig ist, sich ein neues Mädchen zu finden. Ich fand es und bald darauf heirateten wir. Vor der Hochzeit fragte ich meinen Seelsorger, was ich tun sollte, da ich für dieses Mädchen fast keine geschlechtliche Anziehung empfand. Es gefiel mir ausschliesslich als Freundin. Daraufhin fragte mich mein Beichtvater, ob mich das Mädchen liebe und sich mit mir verheiraten wollte. Meine Antwort war: ‚Ja, es liebt mich und will sich mit mir verheiraten’. Er riet mir, mich getrost mit ihm zu verheiraten: ‚Zum Heiraten ist Verliebtheit nicht nötig, aber aus den gegenseitigen, freundlichen Gefühlen wird mit der Zeit sicher eine wahre Liebe erwachsen.’

Wir verheirateten uns, aber die Ankündigung meines geistlichen Vaters hat sich bei mir leider nicht verwirklicht. Gott sei Dank: Meine Frau hat mich geliebt, und Gott hat uns zu unserer grossen Freude zwei Kinder geschenkt – jetzt sind sie fast erwachsen.

Ich hatte meiner Frau vor unserer Heirat klar gesagt, dass ich in meiner Jugend einige homosexuelle Erfahrungen gehabt hatte, aber dann war uns das nicht weiter wichtig, weil wir meinten, dass das nur eine jugendliche Suche gewesen ist. Wir meinten, dass unsere heterosexuelle Anziehung stärker würde… Aber es geschah anders. Ich konnte zwar meine eheliche Pflicht in der Ehe erfüllen, aber meine wahre Liebe war anderswo. Ich musste mir selbst und meiner Lebensgefährtin gestehen, dass meine homosexuelle Tendenzen stärker sind als meine Liebe zu ihr… Eine grausame Wahrheit, die aber meiner Meinung nach noch immer besser war, als die schöne Lüge, dass zwischen uns alles in bester Ordnung wäre… Nach anfänglichen Konflikten zwischen uns und dem Nachdenken über eine mögliche Scheidung, beruhigt sich unsere Situation allmählich und wir gewöhnen uns mehr und mehr daran, als Bruder und Schwester miteinander zu leben. Wir harren zusammen aus, vor allem wegen unserer Kinder.

Und mein Christentum? Das Gebet, die Weihung eines jedes Tages an die göttliche Vorsehung, Lesen und Meditation der Heiliger Schrift, geistlicher Bücher und Literatur, Besuch der Sonntagsmesse in der Pfarrkirche, wenn ich die heilige Kommunion auch nicht in der sakramentalen, sondern nur in der Form einer geistlichen Kommunion erhalte. Ich bete jeden Abend für meine Familie, wie auch für alle meine Freunde, die mich treu begleiten auf meinem Lebensweg. Viel bedeuten mir Briefwechsel und Gespräche mit allen, die gleich wie ich fühlen; die sich in einer ähnlichen Situation wie ich befinden – über unserer Probleme und Erfolge, über Wege und Irrwege unseres Suchens…

Ich bin froh, wenn dies mein Zeugnis auch andere dazu anregt, sich mit ihren Problemen, Lösungen und Vorschlägen zu melden. Ich wünsche allen Glück, Friede und Gottes Segen!"

~ David, Slowenien

******************************************

Nutzungsbedingungen | Datenschutzrichtlinie